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Let´s talk about Mentale Gesundheit

Mentale Gesundheit am Arbeitsplatz – was liegt in meiner Macht?

Rund 15 Prozent aller Fehltage in Unternehmen gehen laut Bundesministerium für Gesundheit auf Erkrankungen der Psyche zurück. Besonders brisant ist dabei, dass die Krankheitsdauer dreimal so hoch ist wie bei anderen Beschwerden. Prävention und die Förderung der psychischen Gesundheit gewinnen daher auch im Arbeitskontext zunehmend an Bedeutung. Aber wie genau lässt sich Arbeit so gestalten, dass sie als positiv wahrgenommen wird? Das haben wir die Arbeits- und Organisationspsychologin Aurelia Hack gefragt. 

„Das Thema Gesundheit am Arbeitsplatz sollte immer ganzheitlich betrachtet werden“,

… so ihre erste Reaktion. Das stimmt gleich in doppelter Hinsicht. Nicht nur sind physische und psychische Gesundheit untrennbar, auch müssen Individuum und Organisation gleichermaßen an ihrem Erhalt arbeiten.

Verhaltens- und Verhältnisprävention: Individuelle und strukturelle Maßnahmen

Die Verhaltensprävention bezieht sich unmittelbar auf den einzelnen Menschen und sein individuelles Gesundheitsverhalten. Hierunter fallen Maßnahmen, welche die eigene Gesundheitskompetenz stärken – Meditations-Apps oder Yoga-Kurse beispielsweise. Einige Unternehmen bieten bereits solche Förderungen an, vernachlässigen dabei aber den strukturellen Bereich, die Verhältnisprävention. 

Dabei geht es um die Rahmenbedingungen am Arbeitsplatz. “Es fängt an bei der Arbeitsorganisation und Kommunikation, bezieht sich aber auch auf die Beziehungen der Mitarbeitenden untereinander und zu ihren Führungskräften, sowie auf soziale Stressoren, Unterbrechungen, Multitasking usw.”, erklärt Aurelia Hack. Den Grund hinter der Einseitigkeit sieht die Unternehmensberaterin darin, dass die individuellen Maßnahmen unmittelbarer sind und sich einfacher kommunizieren lassen: “Zu sagen, wir machen einen Mental-Health-Tag mit einem Meditationstrainer ist einfach und schiebt die Verantwortung auf die Einzelpersonen. Den ganzen Arbeitsalltag und Prozesse bedürfnisorientiert zu gestalten, scheint hingegen ein zunächst nicht zu bewältigender Berg zu sein.”

Bevor wir uns diesem Berg widmen, zeigen wir, was jede:r für sich tun kann, um Arbeit gesund zu gestalten. 

Introspektion – sich selbst beobachten

Veränderung beginnt durch Bewusstsein. Erst, wenn ich weiß, was mir Energie oder Freude raubt, kann ich etwas verändern. Der Start dieses Prozesses ist Wahrnehmung:

  • Warum geht es mir mit der Arbeit aktuell nicht gut?
  • Liegt es an den Beziehungen zu meinen Kolleg:innen oder Vorgesetzten?
  • Arbeite ich einfach zu viel, werde ich permanent unterbrochen oder liegt es an ganz speziellen Aufgaben?

„Wer seine eigenen Stressoren identifiziert hat, kann sich im zweiten Schritt die Frage stellen, welche Änderungen konkret wünschenswert sind“, so die Corporate Health Beraterin. Sie rät, den Selbstbeobachtungsprozess etwa zwei Wochen lang zu durchlaufen und sich immer wieder bewusst zu fragen: Wann geht es mir eigentlich wie? Ein Tagebuch zu führen, wenn auch nur mit Notizen oder Stichpunkten, könne dabei helfen, am Ende ein klareres Résumé zu ziehen.

Grenzen setzen: Lohnarbeit vs. Freizeit

Es ist wichtig, Grenzen zwischen Beruf und Privatleben zu schaffen, erklärt Aurelia Hack: “Insbesondere seit der Corona-Pandemie ist die Grenze fluider geworden. Einige können damit gut umgehen, für andere ist es wichtig, klare Kante zu ziehen, weil sie sonst permanent über ihre Grenzen hinaus gehen. Das ist nicht unbedingt leicht, weil wir es oftmals nicht gelernt haben, überhaupt Grenzen zu setzen.”

Mentale Gesundheit - Trennung zwischen Arbeit und Privatleben

Im Alltag kann das praktisch bedeuten: “Den Laptop im Home-Office nicht nur zuklappen und neben sich auf die Couch legen, sondern bewusst aus dem Sichtfeld in einen Schrank räumen. Das Arbeitshandy ausschalten. Sich auch digital bei den Kolleg:innen in den Feierabend verabschieden und ggf. feste Arbeitszeiten ausmachen. Auch räumliche Distanz zu schaffen, kann helfen. Nach der Arbeit eine Runde an die frische Luft und so einen Heimweg simulieren. Auch andere Rituale, die die Freizeit einläuten, sind hilfreich: eine Tasse Tee kochen oder die Yoga-Matte ausrollen.”

Durchatmen: Pausen sind effizient

Nicht nur, wie wir das Ende der täglichen Arbeitszeit gestalten, ist wichtig, sondern auch, ob wir uns Pausen gönnen: “Wenn es um das Thema Effizienz geht, kann man eigentlich nicht anders als Pausen machen. Man kann nicht maximal effizient und leistungsfähig sein, wenn man keine Pausen macht.”

Mehr als jeder vierte Beschäftigte in Deutschland lässt Arbeitspausen ausfallen. Oft schwingt dabei die Angst mit, Zeit zu verplempern. Doch das ist ein Trugschluss, wie etliche Studien zeigen. Bereits kurze Pausen von fünf bis zehn Minuten zwischen den Arbeitsblöcken haben einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden.

Ich kann das nicht: Glaubenssätze hinterfragen

“Wem es schwerfällt, Grenzen einzuhalten und in Pausen von einem schlechten Gewissen geplagt wird, sollte sich mit seinen Glaubenssätzen und Gedankenmustern auseinandersetzen”, schlägt Aurelia Hack vor. Auch hier geht es wieder darum, sich selbst zu beobachten und z.B. zu fragen:

  • Warum fällt es mir schwer, Grenzen zu setzen?
  • Welches Muster zeigt sich bei meinen Gedankengängen?
  • Habe ich Versagensangst? 
  • Will ich mich beweisen?
  • Hänge ich meinen Selbstwert an meine Leistung?

“Es kann auch helfen, die Perspektive zu wechseln und sich aus der Sicht eines Menschen betrachten, dem man nahesteht. Dann sind wir oft wohlwollender mit uns selbst”, so die Unternehmensberaterin. “Das Wichtigste, wenn es um das Thema psychisches Wohlbefinden und Gesundheit geht, ist: Auf sich selbst achten und seine Bedürfnisse kennenlernen”, resümiert die Organisationspsychologin. Erst dann lassen sich auch die Bedingungen am Arbeitsplatz anpassen.

Denen und der Verhältnisprävention widmen wir uns im nächsten Beitrag.

Aurelia Hack ist Arbeits- und Organisationspsychologin und Inhaberin der Unternehmensberatung Hack Corporate Health Consulting & Communication (HCHCC). Der Schwerpunkt ihrer wissenschaftlichen Arbeit liegt auf Mental Health at Work sowie den Arbeitstrends der Zukunft. Sie berät Unternehmen europaweit dabei ein nachhaltiges Gesundheitsmanagement zu etablieren oder ihr bisheriges Corporate Health Management zu optimieren, um die psychische Gesundheit ihrer Mitarbeitenden zu schützen. Zudem engagiert sie sich für die Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen im Allgemeinen. Ihre Expertise und Erfahrungen gibt sie im Rahmen von Vorträgen, Seminaren und Workshops weiter.

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